Persönliche Reflexionen

am 1. Mai 2015

Die große Japanische Zierkirsche im Nachbargarten hat vor wenigen Tagen ihre Blütenpracht abgeworfen. Oben ragen drei Zweige aus dem Baum hervor. Ich liege sinnierend in der Mittagsruhe auf meinem Bett und sehe – eingerahmt von unserem Düsseldorfer Schlafzimmerfenster – einen wunderschönen Papagei, genauer: einen grünen Halsbandsittich, auf einem der obersten Zweige ruhen. Er wartet geduldig auf sein Mittagsfutter auf der Fensterbank in einer Etage über uns. Noch ist er alleine, ohne seine rund 10-köpfige Familie, die sich aus einem in Düsseldorf entflogenen Sittichpaar entwickelt hat. Er kommt, wie heute, gelegentlich auch alleine zur Futterstelle über uns.

Als ich nach einiger Zeit meiner Kamera suche, kommt noch ein zweiter grüner Sittich hinzu. Auch ein Vogel scheint Partnerschaft zu genießen. Aber meditativ vertiefe ich mich in das einzelne Tier:

Der Vogel veranlasst mich, über das Leben zu grübeln, nicht nur über mein Leben.

Warum schreibe ich dies? Ich bin kein Poet, "nur" Praktiker. DENNOCH bewegt mich diese Frage, denn heute, am 1. Mai, 2015 habe ich beschlossen, den Jahresbericht 2014 der Peter-Hesse-Stiftung zu formulieren – sachlich, wie immer in den letzten über dreißig Jahren. Unsere Freunde und Unterstützer erwarten einen konkreten Projektbericht. Verbergen möchte ich meine Gefühle und Gedanken aber auch nicht. – Also: erst mal aufschreiben, was mir heute in den meditativen Sinn kommt.

Der Sittich dort draußen wartet auf sein gewohntes Futter. Was denkt er? Was fühlt er wohl? Warum ist er zunächst alleine gekommen? Denkt er über sein Leben nach? Ich versuche, mich in ihn hineinzufühlen. Ich werde mir erneut der Einheit allen Lebens bewusst – und unserer unendlichen Lebensvielfalt.
Wie ausgeprägt ist wohl das Bewusstsein meines Sittichs? Ist er bewusst glücklich in der Erwartung, irgendwann wieder im Haus über uns Erdnusskerne aufpicken zu können? Hat er wohl Visionen jenseits der Futtererwartung? Wie bewusst lebt so ein Vogel?

Mir wird erneut klar: Mich treibt mein Bewusstsein, die Lust, im Leben mitzugestalten, heute auch als Senior weiter an.

Der geduldig wartende Vogel vor meinem Fenster lässt mich darüber grübeln, ob nicht auch geduldiges Warten, ein Sich-treiben-lassen, ein "gutes Gefühl" ist.

Wie wichtig sind mir meine Visionen? Wie unverzichtbar ist Erfolg für mich?

In meiner meditativen Reflektion am 1. Mai 2015 steckten viele Fragen.

Im Oktober 2016 wurde mein Erfolgswille wieder auf die Probe gestellt. Das Ergebnis: Ein erneuter Bewusstseinsschub, dass nicht jede sinnvolle Vision realisierbar ist. DENNOCH muss es immer wieder versucht werden, sagt die innere Stimme, meine emotionale Prägung – oder rebelliert hier nur der Stolz, mein Ego?

Im vergangenen Jahr hatte ich versucht, meine im Bewusstsein verankerten Lebenserfahrungen in einem französischen Tagesseminar zusammenzufassen und das Ergebnis in Paris öffentlich anzubieten – mit einem frustrierenden Ergebnis: Keiner kam. Zwei Freundinnen aus unserem Bekanntenkreis, die mir helfen wollten, den Seminarinhalt visuell zu gestalten, trösteten mich. Nach kurzer Frustrationspause beschloss ich, meinem DENNOCH-Prinzip zu folgen und die sinnvollen Lernerfahrungen doch noch zu verarbeiten – allerdings nur noch für ernsthaft Interessierte, für solche Erfahrungen konkret nachfragende Gruppen.

In den letzten dreißig Jahren wuchs in der konkreten Entwicklungszusammenarbeit die Erkenntnis, dass menschliche Entwicklung von innen und von "unten" wachsen muss. Dies erfordert Demut und Lernen, was Menschen wirklich wollen, was ihnen nutzt. Es erfordert wohl auch Geduld (wie es mir der Vogel auf dem Baum vor dem Fenster zeigte). Das gilt wohl auch für die Weitergabe des im Leben Gelernten.

Mein innerer Drang anderen, insbesondere jüngeren Menschen Lernerfahrungen zu vermitteln, ist DENNOCH lebendig. Er führte schließlich – neben der vorrangigen Arbeit für das weitere Gedeihen und die Zukunft unseres Montessori-Engagements für Kinder in weniger begünstigten Situationen – s. Projektbericht aus Liancourt, Haiti – zur vereinfachten Neugestaltung meiner früheren Management-Seminare.

Die Lust an der gesellschaftlichen Mitgestaltung – und das DENNOCH Prinzip – sind und bleiben die Wurzeln des neuen Seminarkonzeptes "Management im Wandel".

Zwei Seiten von Peter Hesse vom 1. Mai 2015 als PDF